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Mit seinem Schubladenhaus in Gelnhausen lässt Architekt Götz auf außergewöhnliche Weise die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmen.
Am deutlichsten wird das durch das Schlafzimmer, das wie eine Schublade ausgefahren werden kann und dem Haus seinen Namen gibt. Doch auch knapp 60 Fenster, eine meist offenstehende Haustür und ein begehbarer Innenhof sorgen für eine Offenheit, die nicht nur Götz, sondern auch seine Frau Iris schätzt.
Das Schubladenhaus steht mitten in der Altstadt von Gelnhausen. Götz erwirbt das Grundstück, auf dem früher ein altes, marodes Fachwerkhaus stand, mit seiner Geschäfts- und damaligen Lebenspartnerin Gabriela. Nach der Trennung beschließen die beiden Architekten, beruflich weiter zusammenzuarbeiten und entwerfen gemeinsam das „Living Room“, das heute unter dem Namen Schubladenhaus bekannt ist. 1999 beginnen die Bauarbeiten an dem ungewöhnlichen Gebäude, das ursprünglich gar nicht bewohnt werden sollte. Doch schließlich fragt Götz seine jetzige Frau Iris, ob sie sich vorstellen könnte, mit ihm dort zu leben. Das ist jetzt über 20 Jahre her.
Die einzigartige Schubladenkonstruktion, deren Mechanik einer Karteikastenschublade gleicht, wird mit einem Elektro-Motor betrieben. In wenigen Minuten kann das Schlafzimmer drei Meter über die Straße ausgefahren werden.
„Es war nicht ganz einfach am Anfang, die Behörden mit dem Haus bekannt zu machen“, erinnert sich Götz. Vorgaben vom Denkmalschutz waren unter anderem, die Form des ursprünglichen Fachwerkhauses zu übernehmen und einen Giebel zu integrieren. Die Schubladenkonstruktion erklärt Götz den Behörden anhand eines gotischen Hauses, bei dem höherliegende Geschosse immer weiter raus auf die Straße gebaut werden. „Und ich glaube, die Genehmigung wurde gegeben in Verkennung von dem, was hier kommt.“
Das Schubladenhaus hat mit 600 Kubikmetern ungefähr die Größe eines normalen Einfamilienhauses. Weil es als Einraumhaus entworfen ist, stehen aber nur 85 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung. „Wir wollten unbedingt der Enge des alten Hauses entfliehen. Es war ein furchtbares Gewürge mit steilen Treppen“, erklärt Götz. „Und wir wollten als erste Botschaft senden: Großzügigkeit.“ Also entscheiden sich die Architekten für hohe Decken und verzichten auf Innenwände.
Alle Leitungen sind in der Rückwand des Hauses verlegt, sodass die Funktionsräume dort angesiedelt sind. Dazu gehören Küche und Gästetoilette im Erdgeschoss, das Badezimmer im ersten Stock und der Haushaltsraum mit Wachmaschine im Obergeschoss – dem sogenannten Deck. Geheizt wird das Haus mit Wand- und Deckenheizungen. Besonders im Deck sammelt sich die Wärme unter dem Dach – was im Winter Segen und im Sommer Fluch ist.
Für das Schubladenhaus wurde verschiedenste Kunstwerke angefertigt – dazu gehören zum Beispiel bildhauerische Arbeiten wie die Badewanne oder das Gedicht von Thomas Kling auf der Fassade des Hauses. Götz ließ den sechs Künstlerinnen und Künstlern dabei freie Hand, wodurch das Haus fast zu einer Galerie wurde. Auch in den Fenstern finden sich heute verschiedenste Kunstwerke, die von der Straße aus bewundert werden können. „Wir wollen damit auch die Kuhgasse bereichern. Das Fenster da vorne müssen wir ständig putzen, weil da Nasenabdrücke drauf sind“, freut sich Götz.
Im Laufe der Jahre haben Götz und Iris nach und nach umliegende Gebäude erwerben können und so insgesamt 500 Quadratmeter Areal dazubekommen. Dadurch konnten sie sich nicht nur den Traum eines grünen Innenhofs verwirklichen, sondern auch ein Gästehaus und Büroräume realisieren. Weil das Paar keine Kinder hat, überlegt es, das Gelände später der Öffentlichkeit zu vermachen. Denkbar wäre etwa eine Nutzung durch Künstler oder gar die Stadt Gelnhausen, denn: „Wir wollen es nicht verkaufen. In Geld ist uns das nichts wert.“
Eines der Gebäude steht bereits als barrierefreier Alterswohnsitz bereit, wenn das Schubladenhaus mit seinen steilen Treppen und unebenen Steinen nicht mehr praktikabel sein sollte. Doch Götz hat einen klaren Wunsch: „Wir fühlen uns wohl bis heute und wollen eigentlich nur mit den Füßen vorwärts raus.“
Ein Film von Katharina Feißt (Redaktion), Stefanie Vier (Kamera), Karina Gassen (Ton, Kamera) und Monika Kostrzewa (Schnitt).
00:00 Das Schubladenhaus in Gelnhausen
01:59 Schlafzimmer mit ausfahrbarer Bettschublade
04:25 Küche mit im Boden versenkbarer Kaffeemaschine
06:08 Offener Wohnraum: Wie werden die Fenster geputzt?
08:31 Unsichtbare Möbel im Schlafzimmer
09:37 Badezimmer ohne Tür
11:25 Obere Ebene dient als Winterwohnraum
12:50 Bibliothek: Lesen mit Blick auf die Kuhgasse
13:28 Hof
Room Tour gibt es auch in der ARD Mediathek:
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